„Der Mönch am Meer“ // Caspar David Friedrich // Fussball-Edition
Shownotes
Quellen und Links
- Staatliche Museen zu Berlin: „Hingeschaut! Der Mönch am Meer von Caspar David Friedrich“. Link
- Staatliche Museen zu Berlin: Caspar David Friedrich Project – technische Analyse, Konservierung und Restaurierung. Link
- CDFriedrich.de: „Mönch am Meer – 250 Jahre Caspar David Friedrich“. Link
- Wikipedia / Überblicksdaten und Rezeptionsgeschichte: The Monk by the Sea. Link
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00:00:00: Also, es ist Montagabend kurz nach zehn.
00:00:04: Genauer gesagt Montag der neunundzwanzigste Juni zwanzig sechsenzwanzrig?
00:00:09: Der Tag der Tage quasi!
00:00:10: Genau in wenigen Minuten geht es nämlich für Deutschland im WM sechzehntelfinale gegen Paraguay um... naja um absolut alles
00:00:18: Richtig Es gibt kein Morgen mehr wenn das schiefgeht.
00:00:21: Eben und du also du der uns jetzt gerade zuhörst Du sitzt vielleicht grade vor dem Fernseher oder hast irgendwie das Radio laufen Dein Puls rast wahrscheinlich, die Handflächen schwitzen.
00:00:32: Und tief in dir drin weißt du ganz genau dass heute einfach alles den Bach runtergehen
00:00:36: kann.".
00:00:37: Ja... Die Gruppenphase lief ja sagen wir mal okay zwei Siege aber eben auch diese eine extrem bitteren Niederlage.
00:00:46: Ohja!
00:00:46: Die hat wirklich alle Sicherheiten wieder eingerissen oder?
00:00:49: Total
00:00:49: man zweifelt plötzlich an Alben
00:00:51: und wir alle stellen uns in so einem Moment kurz vor dem Anpfiff diese eine Frage nämlich Warum tun wir uns das eigentlich an?
00:00:59: Ja, warum dieser Stress.
00:01:01: Genau und wenn wir an solche entscheidenden Sportmomente denken dann haben wir ja meistens so diese ganz klassischen lauten Bilder im Kopf
00:01:11: jubelnde Ränge blendendes Flutlicht
00:01:13: richtig ein Spieler im Freudentaumel der diesen Pokal in die Kamera reißt alles extrem laut und grell
00:01:20: Genau!
00:01:21: Unsere mediale Vorstellung von Sport ist extrem eindeutig.
00:01:25: Die Sieger und Verlierer stehen in diesen Bildern meistens schon fest, das Konfetti regnet ... Das Bild lässt überhaupt keinen Zweifel daran was gerade passiert ist.
00:01:34: Alles ist quasi aufgelöst in pure Euphorie oder eben totale Verzweiflung.
00:01:38: Da zwischen gibt es in diesem Bildern nichts...
00:01:41: Und unsere Mission für diese heutige Erkundung ist wirklich so paradox wie faszinierend?
00:01:46: Absolut!
00:01:46: Wir wollen nämlich klären warum das ehrlichste passendste und vielleicht tiefgründigste Bild für dieses Gefühl von Millionen Fans heute Abend, also auch für dich der uns gerade lauscht eben kein bebendes Stadion ist.
00:01:59: Nein überhaupt nicht!
00:02:00: Sondern ein über zweihundert Jahre altes ziemlich düsteres Gemälde eines winzigen einsamen Mönchs an einem kalten Meer.
00:02:09: Ja es ist einen wirklich genialer Kontrast denn in unserer Erkundung heute geht es eben ausnahmsweise mal gar nicht um die sportliche Taktik.
00:02:17: Zum Glück davon haben wir die letzten Tage genug gehört.
00:02:20: Richtig!
00:02:21: Wir analysieren heute keine Pressinglinien, wir diskutieren nicht über die Restverteidigung bei Kontern oder ob der linke Außenverteiliger jetzt endlich seine Formkrise überwunden hat….
00:02:31: Gott
00:02:31: sei Dank, worum geht es dann?
00:02:33: Es geht um eine viel fundamentalere eigentlich schon existenzielle menschliche Grundsituation nämlich die dass wir vor einer offenen absolut unkontrollierbaren Zukunft stehen.
00:02:45: Und dieses Kunstwerk von Casper David Friedrich, das fängt genau dieses nervenaufreibende Gefühl.
00:02:51: Dass die Millionen Fans heute Abend durchleben auf fast schon unheimliche Weise perfekt ein.
00:02:56: Wahnsinn!
00:02:57: Aber bevor wir überhaupt begreifen können was dieser Romantik Münch mit so einem KO-Spiel gegen Paraguay am Hut hat müssen wir dieses Gemälde mal vor unserem inneren Auge aufbauen.
00:03:08: Ja wir müssen es quasi greifbar machen.
00:03:10: Genau.
00:03:11: also nimm uns doch mal mit ins Jahr.
00:03:12: Äh, achtzehnhundertacht bis achtzinnhundertzehn war das richtig.
00:03:17: Genau!
00:03:17: Das ist die Zeit als Kasper David Friedrich dieses Werk den Münch am Meer gemalt hat.
00:03:22: Also was genau sehen wir da?
00:03:24: Wie müssen wir uns das vorstellen?
00:03:26: also stell dir die Leinwand als eine extrem breite dominante horizontale Fläche vor.
00:03:32: das ganze Bild ist im Grunde genommen in drei flache Schichten aufgeteilt.
00:03:36: okay
00:03:36: drei schichten.
00:03:37: Unten am Rand gibt es einen schmaler, ganz heller Streifen.
00:03:41: Das ist der Strand.
00:03:43: Direkt darüber liegt das Meer.
00:03:45: aber und dass es wichtig... Es ist kein malerischer schöner Ozean, der irgendwie zu einer Seereise einlädt oder so.
00:03:52: Es ist ein fast schwarzes richtig bedrohliches Meer.
00:03:55: Uff!
00:03:56: Okay?
00:03:57: Es wirkt eigentlich gar nicht wie Wasser sondern eher die eine massive undurchdringliche Barriere Also
00:04:03: eher wie so ne Mauer aus Wasser
00:04:04: Genau.
00:04:05: Und dann Direkt über dieser schwarzen Linie kommt der Himmel.
00:04:09: Wahrscheinlich ein ziemlich großer Himmel, oder?
00:04:12: Ich meine wenn unten nur Strand und ein bisschen Wasser sind...
00:04:16: Sehr sehr viel Himmel!
00:04:18: Er nimmt fast das gesamte Bild ein und verschluckt quasi alles.
00:04:22: Okay.
00:04:23: Er ist neblig, Wolken verhangen und total ungreifbar.
00:04:29: Und weißt du es gibt auf diesem ganzen Bild absolut keinen Weg der den Blick des Betrachters irgendwie sanft hineinführt.
00:04:36: Kein Weg, okay.
00:04:37: Da ist auch kein rettendes Schiff am Horizont zu sehen auf das man irgendwie hoffen könnte und es gibt eben auch keinen gemütlichen wärmenden Sonnenuntergang der die Szene noch irgendwie romantisch machen würde.
00:04:49: Nur diese Kälte?
00:04:50: Ja
00:04:50: einfach nur diese monumentale kühle Lehre.
00:04:53: Okay lass uns das mal kurz aufdröseln.
00:04:55: wenn ich mir das so anhöre dann klingt das für mich so als würde man Nachts, vielleicht so zwei Stunden vor dem Anpfiff in ein komplett leeres riesiges Stadion blicken.
00:05:05: Noch bevor das Flutlicht überhaupt angeht.
00:05:07: Oh ja!
00:05:08: Das ist ein sehr gutes Bild.
00:05:09: Alles
00:05:09: ist dunkel alles ist gigantisch und man spürt diese erdrückende Stille vor dem Sturm.
00:05:14: Aber warte mal...das Bild heißt doch der Mönch am Meer Richtig?
00:05:18: Wo ist denn der titelgebende Mönche?
00:05:20: In all dieser gähnenden Lehre?
00:05:22: Ah, der steht ganz unten links auf diesem hellen Strandstreifen.
00:05:26: Okay, links unten Ja
00:05:28: Eine winzige Figur in einem dunklen Gewand, völlig allein.
00:05:32: Und er steht den Meer zugewandt.
00:05:34: Er
00:05:34: schaut also quasi...in diese Barriere?
00:05:36: Genau!
00:05:37: Er blickt hinaus auf dieses dunkle Wasser und diesen endlosen Himmel.
00:05:41: Was ganz entscheidend ist, dreht uns dem Betrachtern komplett den Rücken zu.
00:05:45: Er schaut uns gar nicht an?
00:05:46: Null, er gibt uns keinerlei Augenkontakt!
00:05:49: Wir sehen eigentlich nur wie er schaut und genau hier greift deine leere Stadion-Analogie wahnsinnig gut.
00:05:55: der Mönch ist nämlich gar nicht die Hauptfigur zumindest nicht in dem Sinne wie wir es von klassischen Porträts kennen.
00:06:01: Es
00:06:01: ist eigentlich nur so ein Komma in der Landschaft oder also einen Maßstab für das was ihn da so gewaltig überragt.
00:06:09: Exakt.
00:06:10: Und genau das sagen auch die staatlichen Museen zu Berlin, die sich ja sehr intensiv mit dem Werk befassen.
00:06:16: Die beschreiben genau diesen Effekt.
00:06:18: Friedrich konstruiert die gesamte Bedeutung seines Bildes durch diesen extremen Maßstab.
00:06:23: der Mensch wird hier eben nicht als so ein stolzer Herrscher über die Natur inszeniert
00:06:27: sondern er wird geschrumpft
00:06:28: scheinbar unendlich weiter.
00:06:30: verstehe die Einsamkeit dieses Mönchs entsteht also gar nicht dadurch dass einfach niemand anderes am Strand ist Sondern sie entsteht, weil die Welt vor ihm so unbegreiflich groß still und leer ist.
00:06:44: Aber wenn dieses Bild jetzt fast nur aus Lehre besteht also wirklich nur aus diesen drei simplen Schichten Strand mehr Himmel?
00:06:52: Warum machen Kunsthistoriker dann bis heute so einen riesigen Wirbel?
00:06:55: darum?
00:06:56: Ja, das ist eine gute Frage.
00:06:57: Ich meine wir sprechen hier von einer Zeit um eighteenhundertzehn.
00:07:00: da strotsten Gemälde doch normalerweise vor unzähligen Details Engeln Bäumen.
00:07:04: was war sie nicht alles?
00:07:06: Und genau diese radikale Reduktion ist der Grund für seine epochale Wirkung.
00:07:11: Wenn wir uns die klassische Landschaftsmahlerei jenerzeit mal ansehen dann ging das Publikum damals mit ganz klaren Erwartungen Mit bestimmten Sicherheiten in so ne Ausstellung.
00:07:21: Okay!
00:07:21: Was wollten die sehen?
00:07:22: Man wollte zum Beispiel eine klassische Tiefenperspektive sehen
00:07:25: Also etwas, wo das Auge so richtig schön sanft in den Hintergrund gleiten kann.
00:07:29: So ein Fluchtpunkt!
00:07:31: Richtig genau.
00:07:32: und man wollte eine sogenannte Staffage im Vordergrund.
00:07:35: Warte,
00:07:35: Staffage?
00:07:36: Du meinst diese kleinen Buschgruppen oder irgendwelche zufällig platzierten Bauern im Vordegrund die Maler nur dorthin pinseln damit dass Auge irgendetwas zum Festhalten hat?
00:07:46: Ganz genau Ein pittoreska Baum, ein kleiner verschlungener Weg vielleicht eine hübsche kleine Ruine am Rand.
00:07:52: Ah
00:07:53: ok Die Leute wollten, dass ein Gemälde eine harmonische Ordnung hat.
00:07:57: Dass es den Blick irgendwie führt ne schöne Aussicht bietet und ganz wichtig vielleicht sogar moralisch aufbaut.
00:08:04: Der Betrachter wollte sich sicher und erhaben fühlen
00:08:07: Und Friedrich hat das alles einfach gestrichen.
00:08:10: Er hatte's komplett verweigert.
00:08:11: Krass!
00:08:13: Er nimmt dem Betrachte all diese vertrauten Sicherheiten einfach weg.
00:08:16: Da ist kein Vordergrund an dem man sich festhalten kann Kein Mittelgrund durch den das Auge spazieren könnte Einfach
00:08:22: nur Schichten.
00:08:23: Ja,
00:08:24: kein harmonischer Abschluss, kein einziges Pythoreskes-Detail – nur dieser radikalen horizontalen Zonen!
00:08:31: Und die Fachleute der Berliner Nationalgalerie sagen heute, dass genau in dieser kompromisslosen Bildsprache also in dieser Weigerung uns etwas Schönes oder Tröstliches zu zeigen eigentlich schon die Moderne beginnt.
00:08:43: Das ist wirklich fasziniert, ermalt also nicht einfach eine Landschaft ab?
00:08:47: Nein, er malt den Verlust der Orientierung
00:08:50: Aber Moment mal Lass uns kurz innehalten.
00:08:53: Er streicht also alles, was Kunst für die Menschen damals verständlich und irgendwie tröstlich gemacht hat?
00:09:00: Da muss das Publikum, aber völlig vor den Kopf gestoßen gewesen sein.
00:09:04: Oh ja!
00:09:04: Das waren sie auch.
00:09:05: Haben Sie das einfach so akzeptiert als Sie plötzlich vor dieser gähnenen Lehre standen?
00:09:10: Überhaupt nicht.
00:09:11: Die allermeisten waren total irritiert.
00:09:14: Einige fanden es wirklich furchtbar... Aber einige der brillantesten Köpfe jener Zeit haben sofort verstanden, dass hier gerade Kunstgeschichte geschrieben wird.
00:09:25: Ein perfektes Beispiel aus unseren Quellen ist Heinrich von Kleist.
00:09:30: Genau!
00:09:31: Nach der allerersten öffentlichen Ausstellung auf der Berliner Akademie-Ausstellung hat Kleist in den Berliner Abendblättern eine Rezension über genau dieses Gemälde geschrieben.
00:09:44: und was sagt er?
00:09:45: Er merkte sofort dass dieses Bild völlig anders funktioniert als alles, was er bisher in seinem Leben gesehen hatte.
00:09:52: Wie
00:09:52: hat der das denn beschrieben?
00:09:53: Das ist wirklich das Faszinierende daran!
00:09:56: Kleist schrieb nicht einfach nur darüber, was auf dem Bild zu sehen ist – also ein Mann und etwas Wasser….
00:10:02: Er beschrieb, was das Bild mit den Betrachtern macht.
00:10:05: Er schrieb sinngemäß «Es sei, als stünde man durch das Betrachten selbst am Meeresufer», als stunde man direkt vor dieser unbegrenzten Wasservüste.
00:10:14: Das Bild ist so raffinit konstruiert, dass es dich den Betrachter selbst an den äußersten Rand stellt.
00:10:20: Es zieht mich also direkt mit rein auf diesen kalten Strand?
00:10:22: Exakt!
00:10:23: Es gibt ja einfach keinen sicheren Beobachterposten mehr.
00:10:26: Du bist den Elementen dieser gigantischen offenen Lehre genauso schutzlos ausgeliefert wie dieser winzige Münster unten.
00:10:33: Okay wir wissen nun also das der Mönch und durch Kleist eben auch wir wenn wir vor dem Bild stehen an einem extremen Rand stehen.
00:10:41: Aber was genau steht an diesem Rand eigentlich auf dem Spiel?
00:10:44: Ja, das ist die entscheidende Frage.
00:10:46: Um das wirklich zu verstehen hast du in unseren Quellen auf ein sehr interessantes Detail hingewiesen und zwar dass wir uns den historischen Zwilling dieses Bildes ansehen müssen.
00:10:54: Richtig!
00:10:55: Der Mönch am Meer war nämlich eigentlich nie dazu gedacht völlig isoliert betrachtet zu werden.
00:11:01: Ach
00:11:01: was?!
00:11:02: Ja... Das Gemälde wurde eighteenhundertzehn zusammen mit einem anderen Werk vom Präussischen König Friedrich Würhem III.
00:11:09: gekauft.
00:11:10: Dieses zweite Werk heißt Abtei im Eichwald.
00:11:14: Und heute hängen beide Seite an Seite in der alten Nationalgalerie in Berlin und sie bilden ein bewusst konzipiertes Bilderpaar, man muss quasi das eine durch das andere verstehen.
00:11:25: Okay lasst mich raten dieses zweite Bild ist jetzt nicht gerade ein fröhliches Sommerfest.
00:11:30: Weit gefehlt, wenn der Mönch am Meer die absolute offene Lehre zeigt.
00:11:35: Dann ist die Abtei im Eichwald unfassbar dicht, dunkel und endgültig.
00:11:40: Was genau sehen wir da?
00:11:42: Wir sehen eine verfallende gotische Ruine – einer alte Abteii.
00:11:46: Es is Winter!
00:11:47: Der Schnee liegt auf dem Boden.
00:11:48: Die Bäume drum herum sind völlig kahl und sehen aus wie abgestorben.
00:11:52: Puh…
00:11:53: sehr düster...
00:11:54: Und in dieser Ruine sehen wir einen Trauerzug von Mönchen, die gerade ein Sarg durch das Portal dieser alten Kirche tragen.
00:12:01: Ein
00:12:01: Sarg?
00:12:02: Okay, das ist deutlich!
00:12:03: Es ist durch und durch ein Bild der Endlichkeit des Todes – der völlig unabänderlichen Vergangenheit.
00:12:10: Und hier wird es für unsere heutige Erkundung wirklich interessant.
00:12:14: Lass uns dieses extrem düstere Bilderpaar mal direkt mit dem Wahnsinn verbinden, der uns heute Abend um zwanzig Uhr dreißig bei diesem Karo-Spiel erwartet.
00:12:23: Sehr gerne
00:12:24: In den Notizen zu unseren Quellen wird Bundstrainer Julian Nagelsmann zitiert.
00:12:29: Und der hat einen Satz gesagt, der diese absurde Logik von so einem Fußballabend so herrlich drastisch auf den Punkt bringt.
00:12:36: Ja ein großartiges Zitat!
00:12:37: Er
00:12:37: sagte gewinnen macht alles gut verlieren macht alles kaputt.
00:12:42: Das ist so unfassbar binär?
00:12:44: Genau
00:12:44: da gibt es überhaupt nichts dazwischen.
00:12:46: und wenn ich mir dieses Bilderpaar jetzt ansehe Also so ein KO-Spiel ist doch exakt diese Schwelle, oder?
00:12:52: Der Mönch am Meer ist der Moment vor dem Anpfiff.
00:12:55: Der Moment in dem die Zukunft noch nicht geschrieben ist – wo einfach alles möglich ist!
00:13:00: Und die Abteil im
00:13:02: Eichwald?!
00:13:03: Das ist dann das Urteil nach dem Schlusspfiff wenn du verloren hast… dass es das ausscheiden ….
00:13:07: Wenn der Traum gestorben ist.
00:13:09: Passt das so?
00:13:12: Genau das ist die existenzielle Parallele, die in diesen Quellen steckt.
00:13:16: Der Mönch am offenen Meer steht für die Schwelle – für die schiere Möglichkeit!
00:13:21: Er steht ja noch vor dem Meer.
00:13:23: Das heißt er ist noch nicht erlöst?
00:13:24: Er hat noch keinen Frieden gefunden aber er ist eben auch noch nicht gescheitert.
00:13:29: Er
00:13:29: lebt noch sozusagen
00:13:30: ne?
00:13:31: Die Abteil hingegen…die ist die Endgültigkeit.
00:13:34: sie weiß schon vom Tod Und vor dem Anfiff.
00:13:36: heute Abend stehen Millionen von Fans metaphorisch gesehen, genau dort wo der Mönch steht.
00:13:42: Sie blicken auf diese kommenden neunzig Minuten so wie der Möhnch auf dieses schwarze Wasser blickt.
00:13:47: Alles ist noch in der Schwebe?
00:13:48: Ja es ist ein Raum der reinen Möglichkeit!
00:13:51: Okay das verstehe ich.
00:13:52: aber genau da habe ich ein massives logisches Problem.
00:13:56: Okay, welches?
00:13:57: Wenn dieser Fan genau wie der Mönch vor dieser riesigen unkontrollierbaren Ungewissheit steht.
00:14:03: Vor dieser gigantischen Barriere in der es laut Friedrich ja kein rettendes Schiff gibt, keine Garantie auf ein Weiterkommen... Warum läuft er dann nicht einfach schreiend
00:14:12: weg?!
00:14:13: Das ist die große Frage!
00:14:14: Ich meine, warum schalten wir...?
00:14:16: Warum schaltest du lieber Zuhörer heute Abend um zwanzig Uhr dreißig überhaupt diesen Fernseher ein?
00:14:22: Wenn die Gefahr so extrem groß ist, dass wir am Ende in dieser eisigen Abtei im Eichwald landen.
00:14:28: Mit dem vollen Schmerz der Niederlage – das ist doch völlig irrational!
00:14:32: Das ist der absolute Kern unserer heutigen Erkundung und um den zu knacken müssen wir diese klassische kunsthistorische Deutung ein Stück weit hinter uns lassen.
00:14:44: Wie meinst du das?
00:14:45: Na ja oft wird er München einfach nur als eine Figur totalen depressiven Einsamkeit gelesen, also ein kleiner Mensch der vor der gigantischen Stummen Natur kapituliert.
00:14:56: Das ist jetzt nicht völlig falsch!
00:14:58: Aber aus dem Material das wir hier vorliegen haben lässt sich eine viel kraftvollere eigentlich wunderschöne Leidtese ableiten.
00:15:06: Und die lautet?
00:15:07: Dieses Gemälde ist ein Bild der Hoffnung
00:15:12: ohne Beweis.
00:15:13: Okay, das musst du mir genauer erklären.
00:15:16: Hier kommt ein Philosophensspiel der das wirklich perfekt auf den Punkt bringt.
00:15:19: Ernst Bloch!
00:15:20: Ernst bloch?
00:15:21: Okay...
00:15:22: Bloch hat in der Zeit seines Exils also in den absolut dunkelsten Jahren zwischen nineteenhundertdreißig und neunzehnhundertsiebenundvierzig ein gewaltiges philosophisches Werk geschrieben.
00:15:32: Es heißt das Prinzip Hoffnung.
00:15:34: Ah, ein Klassiker aus dem Soerkampfverlag.
00:15:36: ja Genau.
00:15:37: Und jetzt stell dir das mal vor Er sitzt im Exil, die Welt um ihn herum brennt.
00:15:41: Wirklich jede Sicherheit ist zerstört!
00:15:44: Eine extreme Reform von Ungewissheit gibt es ja kaum.
00:15:47: Wahrscheinlich
00:15:47: nicht.
00:15:48: Und in genau dieser Situation untersucht er das was er die Konkrete Utopie nennt und er prägt einen Begriff – Das noch Nicht
00:15:59: Warte.
00:15:59: kurz, konkrete Utopia?
00:16:02: Das klingt für mich nach einem totalen Widerspruch.
00:16:04: Ne Utopi is doch per Definition etwas dass nicht existiert.
00:16:08: So ein ferner Luftschlossgedanke.
00:16:10: Wie kann die denn bitte schön konkret sein?
00:16:13: Bei Bloch bedeutet es, dass die Zukunft nicht einfach nur ein leeres Blatt Papier ist sondern das in der Gegenwart bereits die Möglichkeit einer besseren Zukunft angelegt ist.
00:16:26: Für Bloch ist der Mensch nicht einfach noch ein Wesen das Stumm in der Gegend feststeckt.
00:16:31: Der Mensch lebt immer auch in dem was möglich werden könnte Erlebt ihm noch nicht Und hier wird es entscheidend.
00:16:40: Hoffnung ist bei Bloch keine gute Laune, es ist kein passives Wirt.
00:16:45: schon irgendwie werden.
00:16:46: Es ist eine aktive Kraft einer Energie die die Zukunft überhaupt erst denkbar macht.
00:16:52: Hoffnungen ist das was uns in der Gegenwart handlungsfähig hält.
00:16:55: Aber was genau ist denn dann der Unterschied zu purem Optimismus?
00:16:58: Für mich klang Hoffnung und Optimismus eigentlich immer wie exakt dasselbe.
00:17:02: Ja da denken viele.
00:17:03: Ich meine, wenn ich optimistisch bin dass Deutschland heute Abend drei Tore schießt ist das doch Hoffnung oder nicht?
00:17:09: Was hier wirklich faszinierend ist es genau diese scharfe Unterscheidung die Bloch macht.
00:17:14: Optimismus oder Zuversicht Das sind Dinge die auf Indizien basieren
00:17:19: Also Fakten.
00:17:20: Genau Optimismus sagt, es wird schon gut gehen.
00:17:23: Denn unsere Stürmer sind in absoluter Topform!
00:17:26: Der Trainer hat die Taktik des Gegners entschüsselt und historisch gesehen haben wir gegen Paraguay immer gut ausgesehen.
00:17:33: Wenn du optimistisch bist hast Du gute rationale Gründe dafür
00:17:37: Und Hoffnung.
00:17:38: Hoffnung beginnt erst später, Hoffnung begint exakt dort wo die rationalen Gründe dünn werden.
00:17:44: Wo keine Statistik mehr tröstet, wo das Meer schwarz vor dir liegt absolut kein Schiff in Sicht ist und der Himmel dir keine beruhigende Gebrauchsanweisung mit liefert!
00:17:54: Die Lehre, die Friedrich auf diesem Bild gemalt hat darf man also nicht als rein negatives Nichts interpretieren.
00:18:00: diese Lehre isst die absolute Voraussetzung der Hoffnung.
00:18:03: Das
00:18:03: ist stark.
00:18:04: Der Mönch sieht kein rettendes Ufer.
00:18:06: Er bekommt kein Zeichen von oben und trotzdem läuft er nicht weg, er bleibt stehen!
00:18:13: Der Möhnch ist eben kein Optimist – er isst ein hoffender.
00:18:16: Er hält das Ausbleiben eines Zeichens aus.
00:18:19: Puhh….
00:18:20: okay, dass es echten Gedanke der muss man erstmal sacken lassen.
00:18:24: Erhält das Aus bleiben eines Zeicherns aus?
00:18:27: Ja
00:18:28: Wenn wir diesen philosophischen Überbau von Ernst Bloch jetzt mal direkt zurück in die Wohnzimmer der Fans holen, das ist doch exakt das was ich mache wenn ich mir heute Abend mein Trikot anziehe.
00:18:36: Ganz genau!
00:18:37: Wenn Hoffnung wirklich erst da beginnt wo die handfesten Beweise enden dann erklärt das doch komplett diese absurde Mentalität von uns Fußballfans.
00:18:45: Wie meinst du das konkret?
00:18:46: Na
00:18:46: ja, denk doch mal an gestern.
00:18:47: Millionen dann schon am Gestern wahrscheinlich den ganzen Tag gemurmelt.
00:18:51: Ah das wird sowieso nichts heute!
00:18:53: Die Abwehr steht nicht richtig.
00:18:54: wir sind noch nicht eingespielt.
00:18:56: Paraguay wird uns genadenlos auskontan.
00:18:58: Das geht komplett schief.
00:18:59: Ja die Stimmung war ziemlich im Keller
00:19:01: Genau.
00:19:02: Die Leute haben absolut null Beweise für einen Sieg.
00:19:05: sie haben nicht einmal mehr Optimismus.
00:19:07: Aber heute Abend um alb elf räumen sie den Wohnzimmer Tisch frei stellen das Bier kalt und schalten diesen Fernseher ein Exakt.
00:19:14: Weil ein KO-Spiel im Grunde genommen Ernst Bloch in neunzig Minuten ist.
00:19:21: Vor dem Anpfiff ist alles pure Möglichkeit, alles ist in diesem Zustand des noch nicht!
00:19:27: Der Sieg ist noch nicht da – das Führungstor ist noch ganz genau, dass alles komplett schiefgehen kann.
00:19:42: Dass am Ende diese metaphorische Ruine der Abtei auf ihn wartet!
00:19:48: Aber... Genau deshalb schaut er hin.
00:19:51: Wahnsinn
00:19:51: Nicht weil er sich sicher ist sondern weil er hofft?
00:19:55: Sobald der Schiedsrichter pfeift und der Ball rollt bekommt dieser völlig offene ungeschriebene Zukunft plötzlich wieder einen Körper.
00:20:03: Weißt du was?
00:20:05: Das lässt das ganze Drumherum ja in einem völlig neuen Licht erscheinen
00:20:08: Inwiefern?
00:20:09: Naja, alles worüber im Vorfeld in den Medien so wahnsinnig ernsthaft und ausgiebig geredet wird.
00:20:15: Diese endlosen Analysen die Formkurven, die unzähligen Expertenmeinungen das Berechnend von Pressinglinien und Laufwegen... Das ist doch eigentlich nur unser kläglicher zutiefst menschlicher Versuch uns an irgend etwas festzuhalten.
00:20:29: Absolut!
00:20:31: Es ist Bevoltigungsstrategie.
00:20:32: Wir wollen diese erdrückende Ungewissheit dieses Schwarzen Meeres nicht ertragen.
00:20:38: Also klammern wir uns an Taktiktafeln.
00:20:40: Wir wollen Beweise haben, wo es einfach keine gibt.
00:20:44: aber wie es in unseren Quellen so treffend und brillant zusammengefasst wird Hoffnung kennt keine Statistik.
00:20:51: besser kann man's kaum sagen.
00:20:53: Und so barbt der Anpfiff ertönt passiert etwas Magisches.
00:20:57: all das jede noch so schlaue Analyse jeder Wahrscheinlichkeitsrechnung Das wird sofort zu völlig unbedeutendem Hintergrund rauschen.
00:21:06: Es zählt nicht mehr.
00:21:07: Nein!
00:21:08: Der Fußballfan tut in der Sekunde des Anpfiffs H genau das, was der kleine Mönch auf Kaspar David Friedrichs gemeldet tut.
00:21:15: Er bleibt stehen.
00:21:16: Er flieht nicht.
00:21:17: Er dreht sich nicht um und versteckt sich im Landesinneren.
00:21:20: Er diskutiert auch nicht mit dem Meer – also mit der offenen Zukunft – warum sie nicht berechenbarer sein kann.
00:21:25: Er fordert vom Himmel keinen sicheren Plan B?
00:21:28: Er bleibt einfach stehen.
00:21:32: Beide der Mönch und der Fan wissen nicht, ob ganz hinten am Horizont die Rettung wartet.
00:21:38: Aber beide gehen nicht weg!
00:21:40: Beide geben der bloßen Möglichkeit eine Chance.
00:21:43: Es ist ein stiller, fast schon lächerlicher aber gleichzeitig zutiefst heiliger trotz vor dem Ungewissen.
00:21:50: Also was bedeutet das alles für dich?
00:21:52: Für dich, der uns gerade zuhört und vielleicht schon extrem nervös auf die Uhr schaut.
00:21:56: Wir haben diese tiefen Analyse bei einem scheinbar düsteren, bedrückenden Gemälde aus der Romantik gestartet.
00:22:02: Einem Bild das um eighteenhundertzehn die gesamte Kunstwelt schockiert hat weil es eben alle bequemen Sicherheiten über Bord warf und den Betrachter schutzlos an den Rand des Nichts stellte.
00:22:12: Ja Und wir sind über Ernst Bloch Der mitten im Exil Die Hoffnung als das aktive Aushalten des noch nicht definierte Bei der vielleicht tiefsten emotionalsten Begründung dafür gelandet warum wir uns heute Abend überhaupt vor dem Fernseher setzen.
00:22:24: Genau
00:22:26: Der Anpfiff ist wie eine kleine Wiedergeburt der Welt.
00:22:29: Taktik und Statistiken erklären vielleicht im Nachhinein ganz gut, wie ein Spiel gewonnen wird.
00:22:35: Aber Casper David Friedrich und Ernst Bloch die beiden erklären uns warum wir überhaupt einschalten
00:22:41: Warum wir es wagen?
00:22:43: Genau!
00:22:43: Warum wir Es wagen uns diesem enormen emotionalen Risiko überhaupt auszusetzen.
00:22:48: Und wenn wir diesen Gedanken zum Abschluss noch einmal mit dem ganz großen Bild verbinden, dann wirft das für uns heute eine enorm wichtige weiterführende Frage auf.
00:22:58: Okay, welche?
00:22:59: Wir haben aus diesen Quellen gelernt – dass echte tiefe Hoffnung genau dort beginnt wo alle Sicherheiten Beweise und Statistiken enden.
00:23:09: Wenn das wahr ist… Zerstört dann unsere moderne Welt nicht vielleicht etwas Essenzielles?
00:23:15: Wir versuchen heute ja wirklich alles im Leben durch Daten, Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten vorhersehbar, messbar und sicher zu machen.
00:23:23: Ohja, das stimmt!
00:23:25: Alles muss berechnet sein.
00:23:26: Zerstört dieser Drang nach totaler Berechenbarkeit vielleicht schleichend, unsere menschliche Fähigkeit überhaupt noch im wahrsten Sinne des Wortes zu hoffen?
00:23:36: Wow... Wenn wir in unserem Alltag absolut keinen Raum mehr für das Ungewisse zulassen, lassen wir dann überhaupt noch Raum für die Hoffnung?
00:23:44: Puh!
00:23:45: Das ist ein Gedanke, den man wirklich erst mal sacken lassen muss.
00:23:49: Ein unglaublicher Bogen von einem winzigen gemalten Münch am Dunklen Meer im Jahr eighteenhundertzehn zur Frage wie wir heute eigentlich unsere eigene Zukunft gestalten und ob wir gerade das Hoffen verlernen.
00:24:04: Ja da steckt ja alles drin.
00:24:05: Ich wünsche dir einen unfassbaren Nervenaufreibenden, völlig unvorhersehbaren und hoffentlich wundervollen Fußballabend heute um zwanzig Uhr dreißig.
00:24:15: Halte die Ungewissheit aus, bleib am Strand stehen und schau aufs Meer!
00:24:20: Bis zum nächsten Mal.
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