Kazimir Malevich // Fußballspieler
Shownotes
Quellen und Links
- Art Institute of Chicago / Google Arts & Culture: Werkdaten, Kontext zur Entstehung 1915, Suprematismus, „0.10“-Ausstellung und vierte Dimension. Link
- ColourLex: Werkdaten, Technik, Maße, Pigmentanalyse und Materialangaben. Link
- Art Institute of Chicago: Sammlungsseite zum Werk; wegen Zugriffsbeschränkung hier über Suchergebnis und Google Arts & Culture ergänzt. Link
- Artforum: Meldung zur Erwerbung des Malevich-Gemäldes durch das Art Institute of Chicago 2011. Link
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00:00:00: Schädel mal vor, du sitzt auf der Tribüne.
00:00:04: Du schaust dir ein Fußballspiel an – die Flutlichter strahlen, die Menge tobt!
00:00:08: Du riechst dieses feuchte Gras und den Schweiß.
00:00:12: Die volle Atmosphäre halt?
00:00:13: Genau.
00:00:14: Aber anstatt der Spiele auf dem Rasen, anstab des Balls, der dahin und hergekickt wird, siehst du plötzlich….
00:00:21: also du siehst etwas völlig anderes.
00:00:23: Alles
00:00:24: physische verschwindet
00:00:25: sozusagen?!
00:00:26: Ja Alles physische verschwindet.
00:00:28: Du siehst nur noch diese reine, nackte Geschwindigkeit aufblitzende Energie krachende Kollision von Farben und Formen in der Luft.
00:00:37: Krass!
00:00:38: Keine Menschen mehr, nur noch die absolute Essenz der Bewegung.
00:00:42: Und damit Hallo und willkommen zu unserer heutigen Tiefenbohrung.
00:00:46: Hallo zusammen.
00:00:47: Unsere Mission heute, die klingt fast wie ein Paradoxon.
00:00:51: Wir untersuchen nämlich einen Kunstwerk das Ein Menschenportretiert, in dem es ihn einfach komplett also wirklich restlos verschwinden lässt.
00:01:01: Und damit sprechen wir über einen Moment der die gesamte Kunstgeschichte im Grunde in ihrer Einzelteile zerlegt hat?
00:01:08: Absolut!
00:01:09: Das ist ja kein abstraktes Gedankenspiel von heute sondern ein radikaler fast schon naja gewaltsamer Schnitt, der genau im Jahr nineteenhundertfünfzehn stattfand.
00:01:20: Es ist der Moment, in den jemand beschließt Die sichtbare Realität, so wie wir sie kennen, die reicht einfach nicht mehr aus.
00:01:27: Okay, lass uns das mal aufdröseln!
00:01:28: Wir haben heute nämlich einen ziemlich vollgepackten Tisch vor uns.
00:01:33: Wir schauen uns Daten zur Kunsthistorie an.
00:01:35: Wir haben extrem detaillierte Pigmentanalysen von einem bestimmten Gemälde und wir müssen gleich auch noch klären was Röntgenstrahlen und Geometrie damit zu tun
00:01:45: haben.
00:01:46: Ja, das wird spannend?
00:01:47: Das alles kreist um ein einziges Auf den ersten Blick fast unscheinbares Kunstwert von Kasimir Malevich.
00:01:55: Aber bevor wir uns die Zähne an der Frage ausbeißen, warum zur Hölle jemand ein Fußballspiel ohne Fußballspiele malt, müssen wir uns das Ding erst einmal visuell greifen!
00:02:04: Das ist auch zwingend notwendig denn dieses Bild entzieht sich dem flüchtigen Blick komplett.
00:02:11: Oh ja...
00:02:12: Das Werk ist unter dem Kurztitel Footballer oder im Deutschen Fußballer bekannt.
00:02:17: Es ist im Sommer, Herbst, und hängt heute im Art-Institute auf Chicago.
00:02:25: Wenn man davor steht, ist der erste Schock oft die physische Größe.
00:02:30: Oder besser gesagt die fehlende Größe?
00:02:32: Ja das hat mich auch total überrascht!
00:02:34: Es ist nämlich ein Ölgemelde auf Leinwand dass gerade einmal siebzig mal vierundvierzig Zentimeter misst.
00:02:41: Also wirklich erstaunlich klein für dieses enorme visuelle Gewicht, dass es transportiert.
00:02:46: Genau!
00:02:47: Wenn du dir das jetzt vorstellst.
00:02:48: also an die Zuhörenden gerichtet Das Bild ist hochkant Da is kein Stadion da sind keine Torpfosten.
00:02:56: Das absolut dominante was dich sofort anspringt ist ein eine radikaler weißer Raum.
00:03:02: Aber dieses Weiß ist nicht einfach nur die unbemalte Leinwand auf der jemand ein paar Formen abgeladen hat.
00:03:08: Es hat so ne seltsame Tiefe.
00:03:11: Ja, genau.
00:03:12: Es
00:03:12: fühlt sich an wie eine schwerelose Arena fast wie so ein kosmisches Vakuum.
00:03:17: und in diesem weißen Raum schweben geometrische Formen in einer extremen diagonalen Dynamik
00:03:23: Und diese Dynamik ist wirklich unfassbar präzise gesetzt.
00:03:27: Oben im Bild kippt ein massives violettes Rechteck förmlich in den Raum hinein.
00:03:34: In der Mitte der Komposition schneiden sich dann schwarze gelbe-und blaue Formen und zwar messerscharf.
00:03:41: Unten sammeln sich dann so kleinere rote und grüne Fragmente, die fast wie Trümmerteile wirken.
00:03:48: Alles in diesem Bild suggeriert Bewegung!
00:03:50: Für mich sieht das echt so aus als hätte jemand eine Langzeitbelichtung von einem Sprint gemacht wo alles nur noch so ne verschwommene Lichtspur ist.
00:03:59: Und dann hat jemand dieses Foto wie so ne Glasscheibe zerschlagen.
00:04:03: Schönes Bild.
00:04:04: Wir schauen da quasi auf diese schwebenden scharfen Splitter.
00:04:09: Was noch auffällt Da ist ein langer blauer Balken.
00:04:13: Ja, der ist wichtig!
00:04:14: Und in dem Bruchteil einer Sekunde, indem dein Gehirn sagt, ah das ist eine Flugbahn oder einen Horizont.
00:04:21: Merkst du direkt?
00:04:22: Nein, das ist einfach nur ein blauer Balken.
00:04:25: Und die Farben an sich, die sind auch völlig anders als man das von älteren Gemälden so kennt.
00:04:30: Die knallen richtig!
00:04:31: Das tun sie und das ist absolut kein Zufall.
00:04:34: Wir haben hier nämlich die Daten einer detaillierten Pigmentanalyse von Calalex vorliegen.
00:04:39: Oh sehr cool!
00:04:40: Malevich nutzt eine Palette aus extrem harten elementaren Farben also zinno-barot Kromgelb, Schmaraggrün, künstliches Ultramarinen, Kobaltviolett und Elfenbeinschwarz.
00:04:53: Dazu dann noch Blei- und Zinkweiß.
00:04:56: Okay, Moment stopp!
00:04:57: Das sind jetzt sehr viele chemische Begriffe auf einmal – was bedeutet das in der Praxis für das Bild?
00:05:04: Naja, es bedeutet im Grunde einen kompletten Bruch mit der handwerklichen Tradition.
00:05:10: Vor dem zwanzigsten Jahrhundert haben Mahler oft Erdpikmente genutzt – sie haben Farben gemischt um so sanfte Übergänge zu schaffen.
00:05:18: Schatten und so?
00:05:19: Genau!
00:05:19: Schatten…und die Illusion von dreidimensionalem Raum.
00:05:23: Sie wollten die Natur emitieren.
00:05:25: Malewicz macht hier exakt das Gegenteil.
00:05:29: Durch die fortschreitende Industrialisierung und die Chemie standen Künstlern plötzlich diese künstlichen, also industriell gefertigten Farben zur Verfügung.
00:05:38: Und Malevich nimmt diese reinen ungemischten Farben und trägt sie ganz flach auf.
00:05:44: Er nutzt Farbe eben nicht mehr um einen Körper zu modellieren – er nutzt die Farbe als eigenständige physische Kraft.
00:05:50: Verstehe!
00:05:51: Also... Keine Schattierung, um einen Ball rundwirken zu lassen.
00:05:55: Kein Licht von links oben das ein Schatten nach rechts unten wirft?
00:06:00: Richtig!
00:06:01: Alles ist brutal flach.
00:06:03: Aber warte mal.
00:06:04: Wenn da keine Perspektive ist also keine Fluchtpunkte kein Licht und keinen Schatten Wie entsteht dann diese Tiefe von der wir vorhin gesprochen haben?
00:06:13: Das ist der Trick.
00:06:15: Die Tiefe entsteht rein durch visuelle Spannung und das sogenannte Gewicht der Farben.
00:06:20: Okay.
00:06:21: Stell dir das so vor, ein massiver schwarzer flacher Block auf einem weißen Grund wirkt für unser Auge visuell schwerer als sagen wir mal einen kleiner roter Kreis.
00:06:31: Ja, das macht Sinn!
00:06:32: Wenn du jetzt diese Formen in verschiedenen Größen und Farben auf die Leinwand setzt, fängt dein Gehirn automatisch an Abstände zwischen ihnen zu berechnen obwohl sie völlig flach sind.
00:06:42: Es ist eine abstrakte mathematische Tiefe!
00:06:45: Okay das leuchtet mir ein aber äh... Das bringt mich zum einem absolut größten Problem mit diesem Werk.
00:06:52: Ich ahne es schon
00:06:53: wenn dass alles nur flache industrielle Farbsplitter in so nem schwerelosen Vakuum sind.
00:06:59: Warum zur Hölle nennt Malevich das Ganze dann Realismus?
00:07:03: Ja, dass ist die große Frage.
00:07:05: Der
00:07:05: volle Titel lautet ja – ich liess das mal vor – Painterly Realism of a Football Player Color Masses in the Fourth Dimension Also übersetzt Malerischer Realismus eines Fußballspielers Farbmassen in der vierten Dimension.
00:07:20: Ganz ehrlich!
00:07:21: Realismus?!
00:07:22: Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.
00:07:24: wollte er sein Publikum einfach nur provozieren.
00:07:26: Was hier faszinierend ist, der Titel ist in der Tat eine geniale sehr bewusste Falle für den Betrachter.
00:07:32: Eine Falle?
00:07:33: Ja!
00:07:34: Er nutzt das Wort Realismus und das Wort Fußballspieler um uns quasi einen Anker zuzuwerfen.
00:07:39: Er weiß ganz genau wie unser Gehirn funktioniert.
00:07:42: Wir wollen Muster erkennen.
00:07:44: Exakt Sobald wir diesen Titel lesen, können wir gar nicht anders als zu versuchen das Puzzle auf der Leinwand zu lösen.
00:07:51: Wir schauen auf das Bild und suchen den Menschen!
00:07:54: Absolut ich habe mich da sofort bayert habt.
00:07:56: man sieht diesen kleinen grünen kreis unten und denkt sich logo dass ist der ball.
00:08:02: dann sieht man die roten und schwarzen rechtecke und bastelt sich daraus irgendwie die beine oder die fußballschuhe und der große gelbe block in der mitte.
00:08:10: das muss dann der rumpf des spielers sein.
00:08:12: Man will unbedingt Ordnerm in dieses Chaos bringen.
00:08:14: Exakt!
00:08:15: Und genau an diesem Punkt lässt Malewicz die Falle zuschnappen.
00:08:20: Seine eigenen Schriften und Manifeste belegen eindeutig, er will überhaupt nicht dass du da einen Rumpf und Beine siehst.
00:08:26: Nein!
00:08:27: Wenn Du das tust, klammerst Du Dich an die alte Welt.
00:08:30: Der Titel fungiert nur als Anker damit Maliewicz dich spüren lassen kann wie sehr er an der Kette zerrt.
00:08:38: Er balanciert uns genau auf dieser Rasiermesser scharfen Kante zwischen dem Erkennen einer Figur und dem völligen Zusammenbruch in die Abstraktion.
00:08:47: Wahnsinn, okay das erklärt den Fußballspieler.
00:08:50: aber was ist mit dem Rest dieses absurden Titels?
00:08:53: Also Farbmassen in der vierten Dimension!
00:08:56: Ja... Wenn er nicht will dass wir einen echten Menschen sehen driftet er dann einfach in so eine Science-Fiktionsfantasie ab.
00:09:08: Keine
00:09:08: Science-Fiction, sondern handfeste zeitgenössische Wissenschaft und Philosophie.
00:09:12: Echt?
00:09:13: Ja!
00:09:15: Um das zu verstehen müssen wir uns mal ansehen was die vierte Dimension für die Menschen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eigentlich bedeutete.
00:09:24: Die Quellen des Art Institute of Chicago und Google Arts & Culture ordnen das sehr gut ein.
00:09:31: Okay
00:09:31: Stell dir vor du lebst in dieser Zeit.
00:09:34: Ende des neunzehnten Jahrhunderts, genauer gesagt, achtzehnhundertfünfeinundneunzig wurden die Röntgenstrahlen entdeckt.
00:09:41: Plötzlich konnten Menschen durch feste Körper hindurchsehen!
00:09:45: Auf einmal war die solide fleischliche Haut, die wir jahrhunderte lang für die Realität gehalten haben, transparent.
00:09:52: Krass!
00:09:53: Man sah einfach Knochen?
00:09:54: Genau man sah Knochern... ...man sprach auf einmal über unsichtbare Radiowellen, über Radioaktivität.
00:10:01: Ah, ich verstehe.
00:10:02: Das heißt die Menschen haben damals realisiert... Die sichtbare Welt, die wir so jeden Tag vor Augen haben ist eigentlich nur ein winziger Bruchteil dessen was wirklich existiert?
00:10:12: Ganz genau!
00:10:16: Richtig.
00:10:16: Und gleichzeitig haben Mathematiker Theorien über nicht euklideische Geometrie und mehr dimensionale Räume entwickelt, das war noch lange bevor Einsteins Relativitätstheorie populär wurde.
00:10:28: Für Künstler wie Malewicz war das eine absolute Offenbarung.
00:10:32: Er dachte sich Wenn die Wissenschaft beweist dass es hinter der sichtbaren Welt unsichtbare Kräfte Strahlungen und Dimensionen gibt Dann ja dann muss die Kunst das doch abbilden.
00:10:44: Das wirft jetzt ein völlig neues Licht auf das Wort Realismus.
00:10:47: Nicht wahr?
00:10:48: Wenn Marewicz also einen Sprint diese ganze Wucht und die Kollision eines Fußballspiels malen will, dann ist ein klassisches Gemälde von einem schwitzenden Mann in kurzen Hosen für ihn eigentlich eine Lüge.
00:11:02: Exakt!
00:11:02: Weil es eben nur die äußere oberflächliche Hülle zeigt.
00:11:06: Sein Gemälden ist für ihn der echte Realismus weil er diese unsichtbaren physikalischen Kräfte malt Also Masse, Beschleunigung, Richtung.
00:11:15: Er macht den Spieler realistischer in dem er seine physische Hülle einfach verdampfen
00:11:19: lässt.".
00:11:20: Eine fantastische Zusammenfassung!
00:11:22: Wirklich?
00:11:23: Er sucht nicht den Realismus der Anatomie sondern den Realismus der Energie.
00:11:29: und um wirklich zu begreifen warum dieser radikale Schritt genau in dieser Zeit passiert müssen wir uns das Jahr.
00:11:38: Das war ja keine ruhige Epoche, in der man gemütlich im Atelier saß und über Dimensionen philosophierte.
00:11:43: Definitiv
00:11:44: nicht!
00:12:04: Und im Krieg sehen die Menschen ja leider auch, wie menschliche Körper durch modernste unsichtbare Artillerie und maschinelle Gewalt buchstäblich zerfetzt werden.
00:12:14: Der Mensch als Maß aller Dinge dieser alte humanistische Idee, die bricht in dem Moment gerade brutal in sich zusammen.
00:12:21: Völlig richtig!
00:12:23: Und in genau dieser vibrierenden traumatisierten Unzugleich von technik- faszinierten Atmosphäre bereitet Malevich in Moskau eine Ausstellung vor, die Geschichte schreiten wird.
00:12:34: Wie
00:12:34: hieß die?
00:12:35: Die hieß Null Punkt Zehn – The Last Futurist Exhibition of Paintings also Null Komma Zehn.
00:12:43: und für diese Ausstellung erschafft er den sogenannten Suprematismus.
00:12:47: Hier wird es wirklich interessant!
00:12:49: Supremathismus das könnte jetzt erstmal wie so ein sehr einschüchterndes Fremdwort aus dem Kunstleistungs-Kurs
00:12:56: ist es auch ein bisschen.
00:12:57: was genau meint ihr denn damit?
00:12:59: Der Begriff leitet sich von Supremazie ab, also der absoluten Überlegenheit oder Vorherrschaft.
00:13:05: Mellevich definierte es als die Zitat Supremazi des reinen Empfindens in der bildenden Kunst.
00:13:15: Er wollte alles entfernen was den Betrachter ablenkt – keine Geschichten, keine Landschaften, Nur noch das reine Gefühl ausgelöst durch reine Form und Farbe.
00:13:26: Weißt du was?
00:13:27: Lass mich mal versuchen, dass in unsere heutige Welt zu übersetzen.
00:13:30: Gerne!
00:13:30: Das ist im Grunde so als würdest Du auf Dein Smartphone schauen.
00:13:33: Da sind ja all diese Apps Fotos von Freunden Wettereikens Texte usw.
00:13:38: Wenn Du das jetzt suprimatistisch machen willst Dann löscht Du die Fotos Du löschst die ganze Schrift Du entfernst diese Eikens Die Dir sagen Was ein Telefonhörer oder Ein Briefumschlag isst.
00:13:49: Ja Und am Ende hast du nur noch leuchtende, flache farbige Rechtecke auf einem Glasbildschirm die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen.
00:13:59: Du hast die Funktion und das Abbild komplett zerstört aber die pure Ästhetik dieser leuchtenden Flächen bleibt
00:14:05: übrig.
00:14:06: Das ist eine erstaunlich treffende Analogie.
00:14:08: sehr gut!
00:14:09: Und genau diesen Prozess der Reduktion den kann man in der Kunstgeschichte jener Jahre wunderbar nachvollziehen.
00:14:15: Wie lief das ab?
00:14:16: Naja Formale witch gab es dem Kubismus also Pablo Picasso oder George Brack, die Namen eine Gitarre oder ein Gesicht und zerlegten es in geometrische Einzelteile.
00:14:27: Aber man konnte es noch erkennen!
00:14:29: Genau – Es war immer noch ne Gitarra.
00:14:31: Dann kam der Futurismus, der die Energie von rasenden Zügen- und Autos feierte.
00:14:37: Und Malewicz schaut sich das alles an und sagt sich Schön und gut dass ihr den Zug in Bewegung malt aber äh… Der Zug ist immer noch da.
00:14:45: Ich werfe den Zug jetzt komplett raus und male nur noch die Bewegung an sich.
00:14:50: Exakt!
00:14:51: Das war der absolute Nullpunkt der Malerei, das berühmteste Werk dieser Ausstellung von nineteenhundertfünfzehn war übrigens Malevics Schwarzes Quadrat.
00:15:01: Ah, das kenne ich
00:15:02: Einfach nur.
00:15:03: ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund – kein Titel, der einem irgendwie hilft keine Farbe, keine Dynamik.
00:15:10: Es war der radikalste Schnitt, den man sich überhaupt vorstellen kann.
00:15:13: Im Vergleich dazu ist unser Footballer ja fast schon gesprächig!
00:15:16: Richtig – Der Footballplayer is ein faszinierendes Chanierewerk.
00:15:20: Wie meinst du das?
00:15:21: Malevitz schrieb später selbst, dass reale Formen wie eben das Konzept eines Fußballspielers für ihn oft die notwendigen Startpunkte waren.
00:15:34: Aber sobald das Spiel beginnt, lösen sich die Spieler in jene Gegenstandslosen malerischen Massen auf.
00:15:41: Die er dann auf der Leinwand anordnet.
00:15:43: Weißt du wenn wir diese unglaubliche Idee also den Menschen als reines körperloses Kräftefeld darzustellen?
00:15:51: Als ein Vektorenpaket aus Richtung und Geschwindigkeit!
00:15:55: Wenn wir das mal kurz sacken lassen... Was sagt das eigentlich über uns heute
00:15:59: aus?!
00:16:00: Also wie betrachten wir Körper jetzt über hundert Jahre später?
00:16:03: Wenn wir das mit dem Großen Ganzen verbinden, dass ist genau der Moment in dem dieses Bild fast unheimlich aktuell wird.
00:16:10: Ja.
00:16:11: Philosophisch gesehen war das nineteenhundertfünfzehn natürlich ein Frontalangriff auf die alte Idee, dass Malerei einen Fenster zur Welt sein muss – aber aus einer gesellschaftlichen Perspektive!
00:16:23: Da ist das Bild eine glasklare Prophezeiung unserer Gegenwart...
00:16:27: Inwiefern...?
00:16:29: Es handelt von Entkörperlichung.
00:16:32: Der Mensch ist heute oft kein Wesen aus Fleisch und Blut mehr, sondern ein reiner Datenpunkt.
00:16:37: Oh wow!
00:16:38: Du meinst weil wir uns heute ständig selbst in Daten übersetzen?
00:16:42: Genau
00:16:43: Wenn ich da so drüber nachdenke besonders im modernen Sport ist das doch exakt das was wir jeden Tag im Fernsehen sehen.
00:16:49: Absolut Denk an so eine moderne Sportübertragung.
00:16:53: Wie sehen wir die Athleten heute?
00:16:56: Sehr oft eben nicht mehr als Menschen, sondern als abstrakte Bewegungsprofile.
00:17:00: Ja!
00:17:00: Wir sehen Heatmaps die mit roten und gelben Zonen zeigen wo ein Spieler sich am meisten aufgehalten hat.
00:17:07: wir sehen GPS Tracking Daten.
00:17:09: diese Expected Goals Modelle Vektoren die Laufgeschwindigkeiten anzeigen
00:17:14: Stimmt total wenn man sich in der Halbzeitpause so eine Taktikanalyse der Experten auf diesen riesigen Touchscreens anschaut.
00:17:22: Das sieht doch eins zu eins aus wie unser Malevich gemeldet.
00:17:25: Ja,
00:17:25: wirklich!
00:17:26: Da ist das grüne Spielfeld.
00:17:28: Darauf werden rote farbige Blöcke hin und her geschoben um Zonenverteidigung zu demonstrieren.
00:17:33: Blaue Balken zeigen die Laufwege an.
00:17:36: da ist kein Schweiß mehr, kein jubelnder Mensch.
00:17:38: Das ist eine völlig abstrakte Karte von Energie- und Strategie.
00:17:42: Malevics hat, quasi die allererste abstrakten Taktiktafel der Welt gemalt.
00:17:47: Eine großartige Beobachtung.
00:17:49: er hat genau diese visuelle Sprache vorweggenommen.
00:17:52: Der Unterschied liegt nur in der Intention.
00:17:54: Wie meinst du das?
00:17:55: Wenn Datenanalysten heute farbige Balken und Zonen über das Spielfeld legen, dann geht es um Berechenbarkeit Es geht um sportliche Effizienz- und Optimierung.
00:18:05: Malewicz hingegen ging es um künstlerische und geistige Befreiung.
00:18:10: Ah ok
00:18:11: Fußball ist von Natur aus erden schwer.
00:18:14: Es gibt Schwerkraft Verletzungen Matsch an den Schuhen.
00:18:17: Maliewicz zieht all diese irdischen Faktoren ab.
00:18:21: Er macht das Ereignis komplett schwerelos und rein.
00:18:25: Das wirft aber eine ziemlich fundamentale Frage für uns heute auf, finde
00:18:28: ich.
00:18:28: Welche?
00:18:29: Wenn wir im Sport oder auch in der Wirtschaft Menschen nur noch als Leistungsdaten sehen – als farbige Balkendiagramme- und Bewegungsprofile auf so einem Dashboard betrachten wir sie dann überhaupt noch als Menschen?
00:18:43: Oder sind Sie für uns längst zu Malevics Farbmassen geworden?
00:18:49: Diese Abstraktion.
00:18:50: Wir haben uns mittlerweile so sehr daran gewöhnt, die Komplexität der Welt durch die Linse von Datenströmen zu betrachten – dass wir oft vergessen, das sich hinter dem Datenpunkt ein physischer Körper verbirgt!
00:19:02: Ja leider...
00:19:03: Was nineteenhundertfünfzehn für das Kunstpublikum noch ein unvorstellbarer Schock war… Ein absoluter Tabubuch?
00:19:10: Das ist heute unsere vollkommen normale alltägliche Schnittstelle zur Realität geworden.
00:19:15: Wir leben gewissermaßen in Malevicsches vierter Dimension.
00:19:19: Das ist ein echtgewaltiger Gedanke!
00:19:21: Also was bedeutet das nun alles?
00:19:23: Lass uns das zum Ende hin noch einmal kurz bündeln.
00:19:26: Gerne!
00:19:26: Wir
00:19:27: sind heute gestartet mit einem nur knapp siebzig Zentimeter kleinen Gemälde, dass auf den ersten Blick wie so'n bunter Geometrietest aussieht.
00:19:36: Aber wir haben gesehen, was für eine intellektuelle Sprengkraft darin steckt.
00:19:40: Dieses Bild hat den Fußballspieler nicht einfach nur weggelassen – es hat ihn durch die Brille moderner Wissenschaft betrachtet und in eine völlig neue Wirklichkeit überführt.
00:19:50: Der Footballer markiert den historischen Moment, in dem die Kunst aufhörte, die sichtbare Welt zu kopieren und stattdessen anfing, unsichtbaren Gesetze des Universums abzubilden.
00:20:01: Und es bleibt ein Werk, das uns herausfordert unsere eigenen Seegewohnheiten radikal in Frage zu stellen.
00:20:07: Es verlangt von uns über das Offensichtliche hinauszuschauen!
00:20:11: Absolut und genau deshalb möchte ich dir ja dir da draußen zum Schluss noch einen Gedanken mitgeben den du in deinen eigenen Alltag mitnehmen kannst.
00:20:19: Da bin ich gespannt
00:20:20: Wenn Du das nächste Mal auf Dein Smartphone schaust.
00:20:23: Vielleicht checkst Du deine Fitness App nach dem Joggen Oder Du schaunst auf diese kleinen bunten Balken deines Schrittzählers oder du analysierst eine Schlafrhythmuskurve.
00:20:34: Dann denk für einen kurzen Moment an Kassimir Malevich.
00:20:37: Sehr passend!
00:20:38: Denn in diesem Moment schaust Du nicht auf Deinen Körper, Du schaunst auf Deine ganz persönliche farbige Masse in der vierten Dimension.
00:20:46: Du existierst in dieser digitalen Welt nur noch als Datenpunkt aus reiner Bewegung aus Energie ohne physische Hülle.
00:20:54: Hat Malevic-Malewitzch-Ninzehntundundfünfzehn vielleicht gar keinen russischen Fußballspieler gemalt?
00:20:59: Hat er damals, ohne es zu wissen eigentlich genau dich und unser abstraktes digitales Leben von heute porträtiert?
00:21:06: Ein fantastischer Schlusspunkt!
00:21:08: Denkt da mal drüber nach.
00:21:09: Schaun dir das Gemälde unbedingt online an – du findest das ganz leicht beim Art-Institut auf Chicago.
00:21:15: Und überprüfe selbstmal ob du dem Drang widerstehen kannst den Fußballspieler in diesen Formen zu suchen.
00:21:20: Das wird schwer.
00:21:22: Oh ja Es war auf jeden Fall großartig diese Erkenntnisse heute mit dir zu teilen.
00:21:27: Danke, dass du bei unserer Entdeckungsreise dabei warst und bis zum nächsten Mal wenn wir wieder gemeinsam unter die Oberfläche schauen.
00:21:33: Mach's gut!
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